Wenn das Inkassounternehmen zweimal klingelt

Wenn das Inkassounternehmen zweimal klingelt

Energielieferungen können ins Geld gehen. Und nicht selten warten Energielieferanten mit horrenden Schlussrechnungen auf, die selbst bei „normalen Haushaltskunden“ in den vierstelligen Bereich gehen können.

Fehler passieren

Aber nicht immer geht es dabei mit rechten Dingen zu. Die Abrechnung von Stromlieferungen ist ein klassisches Massengeschäft, bei dem selbstverständlich auch Fehler passieren können. Die Ursachen für solche Fehler können vielfältig sein: Mal wurden Zählerwerte falsch übermittelt oder falsch übertragen, mal sind es die Zähler selbst, die technisch nicht korrekt arbeiten oder die administrativ nicht korrekt zugeordnet wurden. Auch Fehler bei der tariflichen Einordnung des Kunden kommen in der Praxis vor.

Dabei ist es für den betroffenen Kunden häufig nicht immer sofort erkennbar, wo genau der Fehler steckt. Er sieht nur, dass der angegebene Verbrauch ungewöhnlich hoch ausgefallen sein soll.

Ein Fall aus der Praxis

So ist es auch einer unserer Mandantin ergangen, die sich mit einer Nachforderung von über 6.000,- € konfrontiert sah – für ein eher kleines Haus und für einen Zeitraum, der schon viele Jahre zurücklag. Mit dem angeblichen Stromverbrauch, der der Rechnung zugrunde lag, hätte eigentlich ein ganzes Hochhaus mit Strom versorgt werden können. Aber nicht nur die Höhe dieser Nachforderung mutete kafkaesk an: In der Aufarbeitung des Sachverhaltes zeigte sich, dass die Stromlieferantin – eine der „Vier Großen“ – ihre „Schlussabrechnung“ für den betreffenden Zeitraum unzählige Male korrigiert hatte, zum Teil mit unterschiedlichen Zeiträumen und unterschiedlichen Zählerwerten. Zwischenzeitig hatte unsere Mandantin für einen Teil des streitgegenständlichen Zeitraums sogar eine Gutschrift erhalten, die die Stromlieferantin dann Jahre später jedoch nicht mehr gelten lassen wollte.

Damit nicht genug: Nachdem unsere Mandantin die Zahlung dieser absurd hohen Stromrechnung verweigert hatte, bekam sie Post eines Inkassounternehmens, das zu der ursprünglichen Nachforderung der Stromlieferanten auch noch rund 800,- € an Zinsen, Mahnkosten und Inkassokosten in Rechnung stellte. Allein die Inkassokosten sollten mit rund 550,- € zu Buche schlagen.

Inkassokosten und außergerichtliche Rechtsanwaltskosten – (k)ein Fall für’s Gericht?

Über das Inkassounternehmen ist schon viel geschrieben worden (siehe beispielsweise Süddeutsche vom 15.09.2015 oder Fokus vom 06.10.2015), was hier nicht weiter vertieft, aus eigener Erfahrung jedoch bestätigt werden kann. Keine zwei Wochen später kam zu der Forderung des Inkassounternehmens eine weitere Forderung der Rechtsanwaltskanzlei Rainer Haas & Kollegen aus Baden-Baden, die ebenfalls versuchte, unsere Mandantin zur Zahlung zu bewegen. Auch hierfür sollten zusätzlich noch einmal rund 550,- € Rechtsanwaltsgebühren anfallen. (Und auch über diese Kanzlei ist schon vieles geschrieben worden.) Insgesamt belief sich die Forderung damit auf rund 7.600,- €.

Bemerkenswert ist zum einen, dass die Forderung auf Erstattung der Inkasso- und Rechtsanwaltskosten in dem von uns angestoßenen Gerichtsverfahren sofort wieder fallen gelassen wurde. Die Erstattungsfähigkeit der „Kosten einer Übermahnung“ sollten nach dem Willen der Gegenseite erklärtermaßen aus dem Gerichtsverfahren rausgehalten werden. Befürchtetet da etwa jemand, dass das eigene Geschäftsmodell vom Gericht in Frage gestellt werden könnte?

Bekannte Abrechnungsprobleme

Bemerkenswert war aber auch, dass dem Gericht manche Abrechnungsprobleme der Stromlieferantin scheinbar bereits aus anderen Verfahren bekannt waren, wie etwa die Verbuchung von Gutschriften, die in den folgenden Rechnungen immer wieder als „offene Forderungen“ aufgeführt wurden. Das Gericht wies zudem darauf hin, dass grundsätzlich die Stromlieferantin und nicht der Stromkunde die sogenannte Darlegungs- und Beweislast dafür trägt, dass der angenommene Stromverbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Es ist also Sache der Stromlieferantin, bei begründeten Zweifeln zu beweisen, dass die angenommenen Zählerwerte korrekt sind.

Gut für unsere Mandantin, schlecht für die Stromlieferantin. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Stromlieferantin in Zukunft einsichtiger zeigen wird, sodass nicht jeder Abrechnungsfehler zu jahrelangem Rechtsstreit führen und letztlich vor Gericht geklärt werden muss.

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